Politik und Social Media: Eine schwierige Ehe.

Ich will Europa: Warum Social Media für politische Kampagnen nicht taugen.

Politische Kampagnen, die soziale Medien zur Übermittlung von Botschaften nutzen sind nicht unproblematisch – Netzschnipsel hat an dieser Stelle schon einmal über dieses heikle Thema berichtet. Kampagnen können nur dann wirklich „viral“ werden, wenn sie auf einem kurzen und griffigen Slogan, einem einprägsamen Spot oder einer einem ausdrucksstarkem Bild fußen. Wichtig ist somit die Kürze der Botschaft. Was im Rahmen von Werbeaktionen für ein Produkt wunderbar funktioniert, gestaltet sich im Rahmen von politischen oder sozialen Fragen durchaus schwierig, da es hier zumeist um komplexe Themen geht.

Probleme mit Europa zu komplex für Social Media Kampagnen?

Die derzeitige von vielen Medienpartnern getragene Kampagne mit dem Namen „Ich will Europa“ bestätigt viele unserer Schlussfolgerungen. Während die KONY-Kampagne Fakten unter den Tisch fallen ließ, um einprägsam zu sein, leidet „Ich will Europa“ darunter, dass sich viele die Frage stellen, welchen Mehrwert eine solche Europa-Kampagne überhaupt haben soll. Bevor wir uns aber der Rezeption der Aktion widmen, lohnt sich ein Blick auf die Beweggründe für „Ich will Europa“. Auf der Website ist zu lesen, dass das Projekt vor allem im Angesicht der gegenwärtigen Euro-Turbulenzen ins Leben gerufen wurde – es soll verdeutlichen, „dass Europa nicht auf die aktuelle Krise reduziert werden darf.“ Somit soll hervorgehoben werden, welche Errungenschaften wir der europäischen Einigung zu verdanken haben. Neben einigen namenhaften Stiftungen kann das Projekt auch zahlreiche deutsche Medienpartner zu seinem Unterstützerkreis zählen.

Sprücheklopferei auf Facebook reicht nicht um Finanzkrise zu verstehen

Ein kleiner Auszug aus der Slogan-Reihe lässt aber sogleich das Dilemma erkennen, in der sich eine solche Kampagne, die den Anspruch hat, von vielen gehört zu werden, zwangsläufig befinden muss. Wer die Facebook-Seite besucht, kann lesen, was Roman Herzog beizutragen hat: „Es geht nicht darum, die EU so groß, sondern so stark wie möglich zu machen.“ Ein sogenannter Bürgerbotschafter lässt sich zu folgendem Vergleich hinreißen: „Europa ist wie Fußball. Meister wird nicht die Manschaft mit den besseren Einzelspielern sondern das Team, das als gemeinschaftliches Kollektiv auf den Platz tritt.“ Die Reaktionen auf der Facebook-Seite des Projektes zeigen, dass solche Sprüche im Angesicht der gegenwärtigen Finanzkrise überhaupt nicht gut ankommen.

Viele Prominente machen mit: Auszug aus Printkampagne

Taugen Social Networks nicht für tiefgründige Diskussionen?

Die Nutzer an den Notebooks sprechen beispielsweise von einem „PR-Fiasko“, kritisieren die Einfachheit der Sprüche oder greifen sogar die hinter der Aktion stehenden Stiftungen an. Dabei wäre es falsch, zu glauben, dass sich hinter den Kommentatoren vor allem Europahasser verbergen – eher das Gegenteil ist der Fall. Die meisten Kommentatoren bekennen sich zu Europa – kritisieren aber beispielsweise die derzeitigen Entwicklungen in der Europäischen Union. Andere bemängeln, dass die Slogans und Videoclips auf der Facebook-Seite nicht aussagekräftig seien, sondern nur irgendwelche Emotionen transportierten.

„Ich will Europa“: User fühlen sich nicht ernst genommen!

Es gibt durchaus auch vereinzelt positive Stimmen – der Grundtenor bleibt jedoch zumeist der selbe: die meisten User haben das Gefühl, dass die Kampagne nicht zur Diskussion anregen, sondern ein bestimmte Haltung „promoten“ soll – dies gibt den Usern sehr leicht das Gefühl, von den Initiatoren der Aktion nicht ernst genommen zu werden. Der ZDF – anscheinend eines der wenigen Medien, das die Aktion nicht unterstützt – merkte an, dass die Kampagne ein Europa zeigt, „das anmutet, wie aus einem Paralleluniversum.“ Es bleibt also dabei – Kampagnen zu einem komplexen sozialen oder politischen Thema lassen sich nur sehr schwer in die Welt der sozialen Medien übertragen, wenn sie darauf angelegt sind, eine griffige und kurze Botschaft zu transportieren.

Und um Spekulationen zu vermeiden: Netzschnipsel möchte auch Europa! See you on Twitter!

 

Matthias-M. Pook

Social Media Manager (FH). Mehr über Matthias und den Blog Netzschnipsel findest Du unter den Menüpunkten "Autor" sowie "Über".

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